SUBJEKTIV BETRACHTET

Dieses Projekt war eines meiner persönlichsten, lebensbestimmendsten und erhellendsten – im wahrsten Sinne. Ich kämpfe Jahr für Jahr mit wirklich starken Winterdepressionen. Ich war immer davon überzeugt, dass der „Blues“ wegen des Dauergraus im Winter zuschlägt. Ich fühlte mich dann immer wie eine kleine Pflanze, die in einer dunklen Zimmerecke zum Eingehen verdammt war. Allerding war mir auch klar, dass Wahrnehmung manchmal trügerisch ist und dass wissen besser ist als glauben. Darum entschied ich eines grauen Novembertages in einem Anfall proaktiven Eifers zu überprüfen, ob die Sonne wirklich so selten zu sehen ist, wie ich bis dahin glaubte.

 

30 Tage lang (den gesamten Dezember) richtete ich meine Kamera auf ein und die selbe Stelle am Himmel. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Zu Weihnachten sehen wir ein Stück Thüringer Himmel, aber geschenkt. Der Plan war, jeden Tag 12 Fotos zu machen – eins pro Stunde beginnend direkt nach dem Aufstehen. Das klappte meistens. Gelegentlich veränderte sich der Himmel so rasant, dass ich alle 30 Minuten abdrückt, manchmal lagen auch mal zwei Stunden zwischen den Aufnahmen. Im großen und ganzen hielt ich mich aber an den Plan. Ja, sogar zu Weihnachten, was meine Familie rasend machte.

 

Aber sogar dieser Unmut hat sich gelohnt. Zu meiner Überraschung war da viel klarer Himmel und viel Licht. Selbst das Grau war nie das selbe. Wolken, Nebel, Sonnenuntergänge, Blau in allen Schattierungen, hier und da ein bisschen Gelb und Orange und glühendes Pink und Rot.

Ja sicher, Wetter halt. Das ist mal so und mal so. Aber was ist denn jetzt mit der Stimmung? Ich verbrachte den ersten Dezember seit Jahren ohne das Gefühl, durchzudrehen. Das war mit der Stimmung. Der reine, achtsame Blick nach oben und die geschärfte Wahrnehmung der Realität machten den Winter weniger grau, weniger langatmig und weniger gleichförmig.

 

Damit war das Projekt ja aber noch nicht abgeschlossen. Am Ende der 30 Tag sortierte ich die 360 Fotos in chronologische Balken (Tagesbeginn oben, Tagesende unten) und ordnete sie auf einem Triptychon mit einer Gesamtlänge von fast 4 Metern ebenfalls chronologisch (von links nach recht) an. So entstand das wohl speziellste Balkendiagramm aller Zeiten. Aus der Ferne bekommt man nicht nur einen Überblick über die Gesamtstimmung des Monats, sondern auch Einblick in meine Tagesrhythmen. Offenbar hatte ich im Dezember häufig lange geschlafen, denn das erste Bild des Tages schoss ich sehr oft im Hellen. Tritt man einen Schritt näher, wirken die Stimmungen der einzelnen Tage auf den/die Betrachtende/n ein, die Verläufe, die Farben, das Schwinden. Aus sehr kurzer Distanz kann jede Stunde für sich betrachtet werden. Viele kleine Zeitzeugnisse von etwas so Großem.

 

Wie oft der Himmel tatsächlich blau war, habe ich nie gezählt. Das überlasse ich gerne euch. Es spielte am Ende keine Rolle mehr.

Fotos / Konzept / Grafik
Luise Frentzel